Maude und Luc - 4

Erschrocken drehte Luc sich um.

Maude stand hinter ihm am Weidetor.

Bisher war Maude noch nie zur Weide gekommen.

Zumindest nicht während er dort war.

Überhaupt hatte sie noch niemals so dicht vor ihm gestanden, dass er die Farbe ihrer Augen erkennen konnte.

Sie waren dunkel. Fast schwarz. Was ihr zusammen mit dem goldblonden Haaren, die sie auf dem Kopf zu einem lockeren Dutt gedreht hatte, ein exotisches Aussehen gab.

Aber der Blick aus ihren dunklen Augen war nicht auf ihn, sondern besorgt auf die Esel gerichtet.

"Ist alles in Ordnung", wiederholte sie ihre Frage.

Verwirrt runzelte Luc die Stirn. Fragte sie weil er seine Esel nach Verletzungen abtastete? Das tat er doch jeden Tag. Das musste sie schon mehr als einmal gesehen haben, wenn sie auf der Terrasse saß und an ihrem Laptop arbeitete, während er seine Esel versorgte.

"Du bist heute früher als sonst", erklärte sie, als er noch immer nicht antwortete.

Stumm zeigte Luc auf den Himmel hinter ihr. Er traute seiner Stimme nicht.

Maude drehte sich in die Richtung, in der sein Finger wies. Und zuckte erschrocken zusammen.

Schwarzviolett türmten die Gewitterwolken sich über dem Plateau du Corodin. Wuchsen mit jeder Sekune in die Höhe. Wie ein Drachen, der sich aufrichtete. Kurz bevor er Feuer spuckte. Jagten auf das Tal zu. Und nahmen bereits den kompletten östlichen Himel ein.

Hastig drehte Maude sich zu ihm um.

"Lass mich helfen, dann geht es schneller."

"Im Auto sind Kanister mit Wasser", krächzte Luc.

Er räusperte sich. 'Du kannst sie auf die Schubkarre laden', wollte er hinzufügen.

Doch Maude hatte die Schubkarre, die mit der Öffnung nach unten neben dem Tor lag, bereits ergriffen, umgedreht und hinter den offenen Kofferraum seines Autos geschoben.

Mit Schwung hiefte sie den ersten der vier dreißig Liter Kanister in die Schubkarre.

Sie hatte den zweiten Kanister dazu gestellt, noch bevor er durch das Tor nach draußen geeilt war.

Mehr als zwei Kanister hatten in der Schubkarre nicht Platz.

Lucs Finger umschlossen die Griffe der Schubkarre, während Maude ihm das Tor aufhielt und aufpasste, dass die Esel nicht ausbüxten.

Die alte Zinkbadewanne, die er als Wasserfass nutzte, stand im Schatten des Unterstands am unteren Ende der Weide.

Obwohl es bergab ging, war der Weg beschwerlich. Der trockene Boden uneben. Von Steinen durchsetzt. Immer wieder blieb das Rad der Schubkarre in einem Loch hängen. Und Luc musst Schwung holen, um die Schubkarre über das Hindernis zu schieben.

Das Wasserfass war zu drei Vierteln leer.

Gleichzeitig ergriffen Maude und er jeweils einen Kanister. Legten sie seitlich auf den Rand der Wanne. Drehten die Verschlüsse auf und ließen das Wasser plätschernd dazu laufen.

Die leeren Kanister warfen sie zurück in die Schubkarre. Ohne sich die Zeit zu nehmen, die Verschlüsse wieder zuzudrehen.

Auf dem Rückweg hüpfte und sprang die Schubkarre mit den leeren Kanistern über holprigen Boden. Hohl schlugen die Kanister gegeneinander.

"Wäre es nicht einfacher, mit einer Wasserleitung von der Ferme."

Luc kam nicht dazu zu antworten.

Wiehernd galloppierten die Eselstuten an ihnen vorbei in den Unterstand. Die Fohlen drücten sich eng an die Leiber ihrer Mütter.

Dann zuckte der erste Blitz über dem Plateau.

Schlug ihn die Felsenwände ein.

Fast gleichzeitig ertönte der Donner.

Dröhnte in den Ohren.

Ließ den Boden erzittern.

Der Himmel verdunkelte sich mit eine Schlag.

Als die schwarzen Wolken sich vor die Sonne schoben.

Kalter Wind fegte durch das Tal. Riss Äste und Blätter von den Bäumen. Trieb Staub und trockenes Gras vor sich her.

Nebeneinander rannten sie zum Weidetor.

Luc schmiss die beiden Kanister in seinen Kofferraum. Schlug die Heckklappe zu.

Während Maude das Weidetor hinter ihnen schloss.

Luc wollte die Fahrertür seines Autos aufreissen.

Doch Maude zerrte ihn am Arm hinter sich her.

"Die Straße verwandelt sich bei Sturm in einen reißenden Fluss!", brüllte sie gegen den Wind an.

Den Kopf gesenkt sprinteten sie zum Hoftor.

Noch bevor sie den Schutz der großen Feige erreichten.

Öffnete der Himmel seine Schleusen.

Schwallartig schoss das Wasser auf sie herab.

Maudes Kater drückte sich vorwurfsvoll miauend gegen die Haustür.

Und die Hündin bellte ängstlich im Inneren des Wohnhauses.

Als Maude die Türklinke herunterdrückte.

Wurde ihr die Haustür aus der Hand gerissen.

Krachend gegen die Wand geschleudert.

Der nächste Blitz zuckte über den Himmel.

Dieses Mal gleichzeitig mit dem Donner.

Mit einem Schrei sprang der Kater ins Innere des Hauses.

Der Sturm fegte Regen und Dreck in das dunkle Innere des Hauses.

Sie musste sich zu zweit gegen die Tür lehnen.

Um sie zu schließen.