Den Kopf gesenkt starrte Melanie auf die rostigen Gleise und zählte die Sekunden, bis der Zug endlich einfuhr. Das ungewohnte Gewicht ihres übervollen Trekkingrucksacks lastete schwer auf ihren Schultern.
Weit nach vorn gebeugt versuchte sie das Gewicht auf ihrem Rücken auszugleichen. Die Füße hüftbreit auseinander, um so stabil wie möglich zu stehen.
Sie hatte den Rucksack für eine gute Idee gehalten.
Jetzt war sie sich nicht mehr so sicher. Vielleicht hätte sie stattdessen doch einen Hartschalenkoffer mit extragroßen Rollen kaufen sollen.
Die Spitze des Rucksacks wankte bedrohlich nach links. Ihre Oberschenkmuskeln krampte sich zusammen, beim Versuch das zusätzliche Gewicht zu stabilisieren.
Sie hatte sogar den Aufzug nehmen müssen, um auf den Bahnsteig zu gelangen. Weil sie nicht die Kraft gehabt hatte, sich mit der zsätzlichen Last die Treppenstufen hoch zu drücken.
Melanie beugte sich noch ein wenig weiter nach vorn.
Bloß nicht nach hinten umfallen! Auf dem Rucksack liegend, hilflos mit Armen und Beinen in der Luft strampelnd, wie eine Schildkröte auf dem Rücken, würde sie nicht nur zum Gespött der umstehenden Wartenden machen.
Es würde auch die Aufmerksamkeit aller auf sie ziehen. Und irgendjemand würde sie bestimmt erkennen.
Das durfte auf keinen Fall passieren!
Man würde sie nach ihrem Reiseziel fragen.
Weshalb sie allein verreiste.
Und im schlimmsten Fall würde irgendjemand Johannes informieren, dass seine Frau mit einem Riesenrucksack auf dem Bahnsteig stand und verreisen wollte.
Ohne den Kopf zu heben ließ Melanie ihren Blick nach links und rechts wandern.
Es war ein sonniger Sonntagabend. Sie hatte Tag und Uhrzeit für ihre Abreise gut gewählt. Obwohl die Reisenden dicht gedrängt auf dem Bahnsteig warteten, sah sie kein einziges bekanntes Gesicht.
Sondern nur die erschöpften Gesichter von Tagesausflüglern auf der Rückfahrt in die Stadt. Verschitzt und müde nach dem anstrengenden Tag in den Bergen. Die Haut rot verbrannt von der ungewohntenten Sonne.
Dazwischen ein paar wenige Urlauber mit großen Koffern und Reisetaschen. Oder einem Trekkingrucksack wie sie. Die den Tag noch ausgenutzt hatten und erst mit dem Abendzug die Heimreise antraten.
Der Minutenzeiger auf der Bahnhofsuhr sprangen einen Strich vor.
Achtzehn Uhr siebenundfünfzig.
Wo blieb der Zug?
Laut Plan, hätte er vor zwei Minuten einfahren sollen.
Leise stöhnend schob Melanie schob ihre Hände unter den Tragegurse. Um ihre brennenden Schlüsselbeine zu entlasten.
Vergeblich.
Die Gurte zerquetschten fast ihre Hände. Und der Druck auf ihre Schlüsselbeine ließ kaum nach.
Wann kam denn endlich der verdammte Zug.
Vielleicht war der schwere Rucksack auf ihren Schultern ja ein Zeichen.
Ein Zeichen, dass sie sich irrte.
Dass es im Leben keinen wirklichen Neuanfang gab.
Zumindest nicht so, wie sie sich einen Neuanfang wünschte.
Wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Frisch aus der Packung. So rein und weiß, dass es noch nach Leim und Holz duftete. Verheißungsvoll darauf wartend, dass die Spitze eines Füllers schwungvoll darüber glitt, um es mit Buchstaben und Worten zu füllen.
Hatte sie wirklich geglaubt, sie könne ein komplett neues Leben anfangen, als sie die Fahrkahrte gekauft hatte?
Wie naiv!
War es nicht vielmehr so, dass sie ihr altes Leben immer mit sich trug. Dass es immer auf ihren Schultern lasten würde. Wie der Rucksack auf ihrem Rücken? Dass es an ihr ziehen und zerren würde. Egal wie weit sie wegfuhr?