Die Lautsprecheranlage auf dem Bahnsteig knackte.
"Bitte Vorsicht an Gleis drei. Der Zug fährt ein. Bitte lassen Sie die ankommenden. erst aus..."
Die restlichen Worte gingen im Geräuschpegel auf dem Bahnsteig unter. Wurden übertönt vom Scharren der Taschen und Koffer. Dem Geräusch der schweren Bergstiefel und flipflops auf den Pfastersteinen auf dem Bahnsteig.
Als die Leute sich bereit machten.
Auch Maude richtete sich ein paar Millimeter auf. Machte vorsichtig zwei Schritte nach vorn. Breitbeinig. Wie ein Seemann, der versuchte im Sturm auf einem Schiff das Gleichgewicht zu halten.
Doch statt näher an die Bahnsteigkante zu treten, schob sie sich nach links. In Richtung Aufzug.
Warum sollte sie in den Zug steigen, wenn es sowieso keinen Neuanfang gab. Wenn sie ihr altes Leben mit sich herumschleppen würde, wie den übervollen Rucksack auf ihrem Rücken?
Dann konnte sie auch gleich hierbleiben.
'Du kannst vor Deinen Problemen nicht davonlaufen', hatte ihre mutter immer gesagt. Wenn sie davon geträumt hatte, an ferne Orte zu reisen.
Aber ihre Mutter war tot.
Endlich.
War in diesem Zusammenhang ein grausames Wort.
Aber es traf zu.
Ihre Mutter hatte lange gelitten. Und ihre Tochter mit ihren schlechten Launen tyrannisiert.
Sie schob sich noch ein bisschen näher an den Aufzug.
Inzwischen war die Spitze des Zuges sichtbar.
Der sich langsam dem Bahnsteig näherte.
Warum wollte sie überhaupt noch weg.
Jetzt wo ihre Mutter tot war.
Schließlich hatte sie jetzt auch hier alle Freiheiten.
Das Rattern des Zuges erreichte den Bahnsteig. Der Fahrtwind wehte Maude, die Haare vors Gesicht.
Es gab niemanden mehr, der ihr vorschrieb, dasssie die Haare doch liebe als Zopf oder Dutt tragen solle. Weil es doch offene Haare so unordentlich aussahen. Es gab niemanden mehr, der ihr ständig Kleidung bestellte, die ihr ihr gar nicht gefiel. Unpraktische weiße Jeans, die schon schmutzig waren, wenn sie ihrer Mutter einmal das Essen ans Bett gebracht hatte. Und rosa Blüschen mit Rüschen, in denen sie aussah wie eine Schülerin. Obwohl sie inzwischen fünfundreißig Jahre alte war.
Sie kontne ihre haare offen lassen, wann immer sie wollte. Shorts aus abgeschnittenen Jeans tragen, mit Löhern am Po.
Sie konnte das Frühstück auslassen und uzm Abendbrot eine Tüte chiüs it Cola essen. Und niemanden würde es interessieren.
Die Bremsen des Zuges kreischten.
Die Türen sprangen uaf.
Die wenigen ankommenden drängten sich zwischen den afahrenden hindurch.
Maude stand neben dem Aufzug.
Sie musste sich nur nach rechts drehen, um einzusteigen.
Doch statt auszunutzen, dass noch keiner anstand, blieb sie stehen. Schaute wie die Aussteigenden sich durch die dichte raube der Wartenden drängen mussten.
Ein Paar umarmte sich küssend. Eine Familie fiel ihrer Tochter um den Hals.
Eine junge Frau veraschiedete sich mit einem langen, heißen Kuss von ihrem Freund in Tarnkleidung.
Der Bahnsteig begann sich zu leeren.
Der Minutenzeiger sprang einen Strich nach vorn.
Achtzehn Uhr vier.
Sie hatte eine Minute, um sich zu entscheiden.
Fahren oder Bleiben?
Das Gewicht des Rucksacks zog an ihrem Rücken.
Dass sie kaum noch die Kraft hatte, sich auf den Beinen zu halten.
Was hatte sie alles eingepackt.
Kleidung für mehrere Wochen. Kleidung, die sie sowieso nicht mochte.
Ihr Kulturbeutel.
Gab es irgendetwas in ihrem Rucksack, an dem ihr Herz hing?
Sie öffnete den Bauchgurt. ließs die Schultergurte von ihrem Rücken gleiten.
Ihr Geld und die Papiere trug sie in einer Bauchtasche unter ihrem Gürtel.
"Einsteigen. Die Türen schließen."
Mit zwei Sätzen überquerte Maude den Bahnsteig und sprang in den Zug.
Piepend schlossen sich die Türen hinter ihr.